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Wann habt ihr selbst einen Segen zugesprochen bekommen, der euch wirklich berührt hat?
Hannah Treier: Ein Segen, der mir immer wieder zugesprochen wird, ist der meiner Mutter. Sie beendet jede Begegnung mit den Worten: «Gottes Segen dir.»
Simone Parise: Bei mir war das in einer Berufseinführungswoche, in der wir uns mit Segensgebeten beschäftigt haben. Wir haben uns den Segen gegenseitig zugesprochen. Das war von der Gruppendynamik und vom Zwischenmenschlichen her sehr stimmig.
In der katholischen und der reformierten Kirche gibt es sichtbare Unterschiede, wenn es um den Segen geht. In der katholischen Kirche spielen Zeichen wie Weihwasser und das Bekreuzigen eine Rolle – in der reformierten nicht. Könnt ihr kurz erklären, welche Idee jeweils dahinter steht?
Simone Parise: Das stimmt. Der Segen hat immer einen zeichenhaften, symbolischen Charakter. In der katholischen Kirche wird dieser durch Zeichenhandlungen unterstrichen – das Ausstrecken der Hand, das Bekreuzigen oder eben das Weihwasser. Der Ursprung dieser Zeichen liegt in einer Weltanschauung, die die Welt in Gut und Böse aufteilte. Man wollte Menschen und Dinge in die Sphäre Gottes stellen. Das Bekreuzigen mit Weihwasser erinnert an die Taufe – und damit an die Zugehörigkeit zu Gott.
Hannah Treier: In der Reformation entstand die Überzeugung: Es gibt nichts, das heilig ist, ausser das, was Gott selbst wirkt. Mit der Reformation kamen der Bildersturm und der Gedanke, alles Stellvertretende aufzugeben – nichts sollte als Mittler zu Gott dienen. Es ging um eine Reduktion auf das Wesentliche. Daher kennen wir keine heiligen Menschen, Orte oder Dinge. Nur Menschen können Heiliges von Gott empfangen.
Simone Parise: Die katholische Vorstellung wurzelt in einem alten Weltbild, das auch eine magische Komponente trägt. Doch den Prozess der Reformation hat auch die katholische Kirche durchlaufen – sie musste sich mit der berechtigten Kritik auseinandersetzen. Ihre Antwort lautet: Alles ist heilig, was von Gott kommt. Was der Segen sichtbar macht, ist etwas, das bereits heilig ist – nicht weil wir es heiligsprechen oder segnen, sondern weil es das schon ist.
Hannah Treier: Ich glaube, dass Menschen heilige Momente – und auch Räume – erleben können. Doch wir stellen keine heiligen Gegenstände bereit. Jeder Mensch muss diesen heiligen Moment für sich selbst und mit Gott erfahren. In diesem Sinn ist der Segen für mich ein Zuspruch, ein guter Wunsch – wohin er auch geht, was auch immer daraus wird.
Trotz dieser Unterschiede sind sich die reformierte und die katholische Theologie darin einig, dass der Segen kein Zauber ist. Wie würdet ihr seine Wirkung dann beschreiben?
Hannah Treier: Ja, manchmal haben Menschen das Gefühl, ein Segen schütze sie vor allem Bösen. Das kann ein Segen so nicht leisten. Und doch kann in allem, was geschieht, ein Moment entstehen, in dem ich Segen empfinden kann – unabhängig davon, wie es mir geht. Das liegt für mich in dem alten Zuspruch: «Behüte dich Gott.»
Man weiss heute, dass Selbstheilungskräfte sehr stark sein können. Wenn jemand glaubt, dass ihm etwas Gutes widerfährt, dann widerfährt es ihm auch eher. In diesem Sinn kann ein Segen beinahe magisch wirken. So sage ich selbst jedes Mal, wenn ich ins Auto steige: «Gott bewahre mich, damit ich wieder gut nach Hause komme.» Ob es dann so eintritt, ist eine andere Frage. Aber bis zu dem Moment, in dem es nicht so ist, glaube ich daran.
Simone Parise: Du sprichst etwas sehr Wichtiges an. Jeder Segen ist mit einer Glaubensaussage verbunden. Er ist ein Wunsch, der immer dem Glauben entspringt: Man traut Gott zu, dass er bewahren kann. Es ist immer auch eine Aussage über den eigenen Glauben – ein Zeichen dafür, dass man glaubt, Gott lasse einen nicht im Stich.
Kannst du das «Nicht-im-Stich-gelassen-werden» etwas präzisieren? Ist es also doch ein bisschen magisch?
Simone Parise: Ich denke, ganz abstreifen lässt sich die magische Komponente nicht. Glaube ist nicht nur rational – er hat auch eine emotionale und eine existentielle Dimension, die sich dem Verstand entzieht. Im Bereich dessen, was wir uns nicht erklären können, würde ich das «Magische» verorten. Es kommt dann zum Tragen, wenn wir spüren, dass wir einer Situation ein Stück weit ausgeliefert sind.
Welche Bedeutung hat die Beziehungsebene zwischen Gott, dem Segnenden und dem Gesegneten für euch?
Hannah Treier:. Als Pfarrerin ist es meine Aufgabe, allen Menschen den Segen zuzusprechen. Der Segen hängt nicht davon ab, ob da jemand ist, der mir wohlgesonnen ist. Das Gute kommt von Gott.
Simone Parise: Das sehe ich ähnlich: Der Segen ist nicht abhängig von einer Beziehung. Dennoch ist er ein Kommunikationsgeschehen. Wenn wir anderen etwas Gutes zusprechen, geschieht Kommunikation. Bei einem Segen stehen sich immer zwei Menschen gegenüber – und Gott. Ich spüre die Stärke der individuellen Segen sehr, etwa beim Blasiussegen.
Bei der Vorbereitung auf das Interview habe ich von vier Grundwirkungen des Segens gelesen: Heilung, Stärkung, Schutz und Gemeinschaft. Wie steht ihr dazu?
Simone Parise: Bei «Gemeinschaft» habe ich die meisten Fragezeichen – ob sie zwingend dazugehört, bin ich nicht sicher. Die anderen drei entsprechen sicher dem, was Menschen sich vom Segen erhoffen.
Hannah Treier: Segen ist etwas, das man jemandem zuspricht. Heilung, Schutz oder Stärkung kann der Segnende nicht bewirken. Wenn jemand durch den Segen das Gefühl bekommt, gestärkt zu sein, oder Seelenheil erfährt, dann kann das entstehen. Ich glaube aber, der Segen braucht kein Konzept. Denkt man nur an 1. Mose 12,2, wo Gott zu Abraham sagt: «Ich will dich segnen, du sollst ein Segen sein.» Das ist ein Auftrag – kein Versprechen auf Heilung. Wenn man dafür ein Schlagwort bräuchte, wäre es wohl: Verantwortung übernehmen.
Simone Parise: Der Gedanke der Sendung interessiert mich sehr. Den kennen wir auch – bei einer Aussendung oder einem Ehesegen. Und auch der Schlusssegen im Gottesdienst ist immer mit einer Sendung verbunden.
«Ein Segen für andere sein» – wie kann das gelingen?
Hannah Treier: Segen ist ein Zuspruch von etwas Unverfügbarem. Wenn ich weiss, dass da jemand oder etwas ist, das mir wohlgesonnen ist und dass der Mensch mir gegenüber ebenfalls von Gott gesegnet ist, kann auch ich anderen mit dieser bejahenden Haltung begegnen – das macht einen zum Segen für andere.
Simone Parise: Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Wer sich selbst gesegnet fühlt, hat das Fundament dafür, anderen zum Segen zu werden.