«Möchte das theologische Potenzial der Menschen ernst nehmen.»

Anfang Dezember hast du deine Arbeit im Pastoralraum Region Sursee aufgenommen. Wie blickst du auf deine ersten Wochen zurück?
Ich bin sehr beeindruckt davon, wie offen und warmherzig ich empfangen wurde. Selbst im geschäftigen Dezember nahm man sich Zeit, mich einzuarbeiten und Gespräche mit mir zu führen. Ich spüre eine sehr wohlwollende Haltung gegenüber dem Pastoralraum und seinen Projekten. Das ist keineswegs selbstverständlich, gerade in einer Organisation, die sich im Umbruch befindet und eine Vakanz hinter sich hat. Schon nach kurzer Zeit wurde mir klar, wie viel Potenzial im Pastoralraum steckt.
Wie jeder Anfang war aber auch meiner anstrengend und intensiv. Ich merke, dass ich noch Zeit brauche, um meine Gedanken zu ordnen.

 

Es wartete viel Arbeit auf dich. Wie entscheidest du, wo du zuerst hinschaust – in einer Zeit, in der so vieles gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangt?
Entscheiden, wo man hinschaut: Das ist eine bleibende Herausforderung. Zunächst geht es mir vor allem darum, möglichst viele Einblicke in die Pfarreien und die verschiedenen Arbeitsbereiche zu gewinnen. Ich möchte die Menschen kennenlernen, aber auch die Abläufe vor Ort, um mir ein Bild zu machen und zu entscheiden, wo Handlungsbedarf besteht. Manches nimmt sich aber auch von selbst die Priorität. Da ist man dann fast gezwungen hinzuschauen. So zum Beispiel die offenen Stellen. Meine ersten Wochen waren geprägt von Bewerbungsgesprächen: für die Co-Leitung, die Koordinationsperson in Knutwil und die Soziale Arbeit der Kirchen. Es waren interessante Gespräche, die aber auch einiges an Ressourcen beanspruchten.

 

Das klingt nach einem gelungenen Start.
Ja. Ich bin sehr inspiriert davon, mit wie viel Herzblut in diesem Pastoralraum gearbeitet wird. Klar merkt man, dass eine Vakanz da war und sich viele Entscheidungen aufstauten. Und gleichwohl nehme ich wahr, wie gut vieles läuft. 
Nun stosse ich mit meinen Erfahrungen und Vorstellungen zu diesem Prozess, in dem der Pastoralraum steckt, dazu. Was meine Rolle ist, wie die Co-Leitung funktioniert, wie es mit den Koordinationspersonen läuft – das alles darf sich noch konkretisieren.

 

Dein Motto bei deinem Antritt lautete: «Eine Vision ohne Taten bleibt ein Traum.» In welchem Bereich deiner Arbeit merkst du: Hier möchte ich genauer hinsehen – und handeln?
Ich möchte meinen Blick auch auf die spirituelle Ausrichtung des Pastoralraums lenken. In letzter Zeit lag der Fokus stark auf der Organisation – auf der Frage, wie wir zusammenarbeiten. Das ist berechtigt und diese wichtige Arbeit geht weiter. Gleichzeitig braucht es aber auch die inhaltliche Ebene: Wovon lassen wir uns leiten? Was ist uns wichtig? Welche Vision trägt uns?
Damit verbunden ist mir wichtig, die Menschen im Pastoralraum stärker einzubeziehen. Gerade wenn es um Vision und inhaltliche Ausrichtung geht, braucht es den Austausch mit ihnen. Es gibt dafür kein Patentrezept. Der synodale Prozess, den Papst Franziskus angestossen hat, kann jedoch eine Orientierung sein – auch auf lokaler Ebene.
Mir geht es darum, das theologische Potenzial der Menschen ernst zu nehmen. Sie sollen sich nicht nur freiwillig engagieren, sondern auch ihren Glauben und ihre Vorstellung von Kirche einbringen können. Wir arbeiten professionell mit guten Teams, doch oft bleibt die pastorale Ausrichtung auf der Ebene der kirchlichen «Profis» stehen. Die Resonanz der Menschen fehlt mir dabei oft. Das ist eine allgemeine Beobachtung, kein spezifisches Problem dieses Pastoralraums. Aber das möchte ich hier bewusst aufnehmen und ich bin mir sicher, dass dieser Weg vom Team mitgetragen wird.



Es geht dir darum, die Menschen mehr in Glaubensfragen einzubinden?
Ja. Es klingt paradox, aber in unserer Kirche sprechen wir zu wenig über Glaubensfragen. Wir diskutieren oft über Veranstaltungen, Strukturen oder Liegenschaften. Über den Glauben selbst, über unsere Werte und darüber, wie wir Kirche sein wollen, tauschen wir uns auf inhaltlicher Ebene zu wenig aus. Ich wünsche mir, dass man sich traut, über den Glauben ins Gespräch zu kommen.

 

Du bekommst schon bald eine Leitungskollegin an deine Seite: Karin Brun-Lütolf. Es ist ein neues Leitungsmodell, das hier im PRSU beginnt. Welche Hoffnungen und Erwartungen verbindest du mit der Arbeit in Co-Leitung?
Mit der Co-Leitung verbinde ich vor allem die Hoffnung auf einen echten Mehrwert: Es geht nicht nur um Arbeitsaufteilung oder Entlastung, sondern um einen anderen Führungsstil und um einen Kulturwandel: Wir wollen weg von der Zentrierung auf eine einzelne Person hin zu einer gemeinsamen Verantwortung. Führung als Team zu verstehen, kann eine Kultur fördern, in der miteinander gearbeitet, diskutiert und entschieden wird – und nicht nach dem Prinzip: eine Person entscheidet.
Das ist für alle ein Lernprozess. Für mich, für Karin Brun-Lütolf und für alle, die davon betroffen sind. Die neuen Rollen müssen sich erst finden, und dafür braucht es Zeit und Offenheit. Dazu möchte ich ergänzen: Als Kirche tut es uns gut, auch Menschen mit nicht-theologischem Hintergrund einzubeziehen und ihre Kompetenzen ernst zu nehmen. Das sehe ich als grosse Chance, denn für uns als Leitungsteam bedeutet das eine grössere Vielfalt an Perspektiven.



Was kann aus deiner Sicht durch diese Vielfalt im Leitungsteam entstehen?
Karin Brun-Lütolf bringt berufliche Erfahrungen, Wissen und eine Perspektive mit, die für uns als Kirche vielleicht ungewohnt sind – und gerade deshalb besonders wertvoll. Ich freue mich, dass mit ihr eine Frau dazukommt, die mich mit ihrem bisherigen Werdegang und ihrem Profil gut ergänzt. Gleichzeitig wollen wir unsere eigenen Qualitäten des Kircheseins nicht aufgeben. Entscheidend ist für mich der Dialog zwischen diesen Welten. 

 

Was würden Personen, die dich gut kennen, sagen: Wo schaut Simone Parise besonders genau hin – und wo weniger?
Ich bin mir selbst oft sehr kritisch und neige zur Perfektion. Ich setze mir hohe Erwartungen und bin selten ganz zufrieden mit dem, was am Ende entsteht. Manchmal müsste ich einfach gnädiger mit mir selbst sein und daran arbeite ich Gegenüber anderen gelingt mir das besser: Ich schaue genau hin, urteile aber nicht hart.

Auch der Prozess im Pastoralraum hat mir gezeigt: Es muss nicht alles perfekt sein, bevor man startet. Wenn etwas gut genug ist, darf man anfangen und dann nachjustieren – sonst kommt man gar nicht erst ins Tun.